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Free Jazz ist einerseits ein historischer Begriff fĂŒr (harmonisch) freies Improvisationsspiel im Jazz seit den 1960er Jahren. Andererseits ist es ein bis heute ausstrahlendes Paradigma, das die Möglichkeit zur freien Entfaltung immer neuer Formen im Jazz und auch darĂŒber hinaus (etwa in der Intuitiven Musik) bereithĂ€lt. Der Begriff selbst kann zu MissverstĂ€ndnissen fĂŒhren, da eine Freiheit in Bezug auf die herkömmlichen Spielhaltungen des Jazz nur bedingt genutzt wird und es neben einer völligen Freiheit in der Form (Free Form Jazz) durchaus Improvisationen gibt, die auf Kompositionen und kompositionsĂ€hnlichen Absprachen ĂŒber Strukturen beruhen.
Entwicklung
Der Begriff leitet sich von einer Schallplatte her, die Ornette Coleman 1960 mit einem Doppelquartett (mit u. a. Don Cherry, Eric Dolphy und Charlie Haden) aufnahm. Die Entwicklung des Free Jazz fand in den USA und wenig spÀter auch in Europa statt. Unbestritten ist der wegbereitende Einfluss solcher US-Amerikaner wie John Coltrane, Eric Dolphy, Ornette Coleman, Sun Ra, Albert Ayler, Pharoah Sanders, Anthony Braxton, Roscoe Mitchell, Cecil Taylor, Alice Coltrane, Jeanne Lee, Sonny Sharrock oder Rashied Ali, die auch aus heutiger Sicht noch zu den kreativsten Vertretern des freien Jazz zÀhlen.
Seit Ende der 50er Jahre experimentierten junge afroamerikanische und europĂ€ische Jazzmusiker mit unerhört neuen KlĂ€ngen: mit einem Durchbruch in den Raum der freien TonalitĂ€t mit einer Aufgabe der Funktionsharmonik bzw. dissonanten (d.h. spannungsgeladenen) Akkorden, wie sie im Jazz bis dahin unvorstellbar gewesen waren. Die schockierende Wirkung dieser Musik - in den frĂŒhen 1960er Jahren auch âJazz der Avantgardeâ oder âThe New Thingâ genannt - wurde noch gesteigert durch neuartige Spieltechniken und ausgefallene Klang- und GerĂ€uscheffekte, wie extrem hohe, schrille, âschreiendeâ, âpfeifendeâ, âquĂ€kendeâ oder âgrunzendeâ Töne. Hinzu kam eine Betonung der IntensitĂ€t, wie sie in frĂŒheren Jazzstilen unbekannt war. Noch nie zuvor wurde in der Geschichte des Jazz auf Powerplay und IntensitĂ€t in einem so ekstatischen Sinne Wert gelegt. Vorbereitet war diese Haltung bereits seit 1941 von der Tristanoschule, aber auch von George Russell, Paul Bley, Charles Mingus, Jaki Byard, Jackie McLean und durch die kammermusikalischen Experimente eines Jimmy Giuffre.
âKraft und HĂ€rte des Neuen Jazz und ein revolutionĂ€res, zum Teil auĂermusikalisches Pathos wirkten um so vehementer, als sich ... vieles angestaut hatte, was nun ĂŒber das an Oscar Peterson und das Modern Jazz Quartet gewöhnte, bequem gewordene Jazzpublikum hereinbrachâ, analysierte Joachim Ernst Berendt in seinem âJazzbuchâ. Das Publikum reagierte ĂŒberwiegend ablehnend, weil es den Free Jazz als Zumutung empfand - und als Herausforderung war er von den Musikern auch gemeint: als Protest der jungen Generation gegen Rassendiskriminierung, soziale Ungerechtigkeit und ĂŒberholte Konventionen.
Peter Brötzmann, Moers Festival, Juni 2006, Deutschland
Seit Mitte der 1960er Jahre bildete sich, unabhĂ€ngig von VorlĂ€ufern (Joe Harriott entwickelte bereits 1960 einen eigenstĂ€ndigen Zugang) ein europĂ€ischer Free Jazz heraus, an dessen Entwicklung zunĂ€chst die erste und zweite Generation der europĂ€ischen Free-Jazz-Musiker wie z.B. Derek Bailey, Willem Breuker, Gunter Hampel, Peter Kowald, Joachim KĂŒhn, Maggie Nicols, Evan Parker, Friedhelm Schönfeld, Manfred Schulze, IrĂšne Schweizer, John Stevens oder Keith Tippett beteiligt war.
Bis heute haben sich aus dem europÀischen Free Jazz der 1960er Jahre die mannigfaltigsten Spielformen herausgebildet. Einige Musiker wie z. B. Hannes Bauer, Joëlle Léandre, Thomas Lehn, oder Tony Buck stehen mit ihrer Musik mehr in der europÀischen Musiktradition. Andere wie z. B. Theo Jörgensmann, Mats Gustafsson, Axel Dörner oder Christopher Dell integrieren vermehrt Jazzelemente in ihre Musik. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen und lÀsst interessante Entwicklungen erahnen.
Stilistische Merkmale
Vorweg muss gesagt werden, dass der Free Jazz sich in und seit den 1960ern Jahren weiter entwickelt hat und damit selbst sehr heterogen geworden ist. Daher ist eine einfache stilistische Typologie nur bedingt möglich. Der frĂŒhe Free Jazz orientiert sich noch an melodischen, harmonischen und rhythmischen Grundmustern der Jazztradition. Auch entspricht die Instrumentation zunĂ€chst meist noch der Besetzung der typischen Bebop-Combo. Die im folgenden genannten Merkmale sind daher keinesfalls fĂŒr alle Gruppen und TontrĂ€ger des Free Jazz zutreffend.
- Aufhebung von musikalischen Regeln
- Aufhebung der harmonischen TonalitÀt, zunehmend auch Zwölftonmusik bzw. Verwendung von seriellen Tonreihen sowie freie AtonalitÀt
- Freie
Rhythmik (wird erst ab den Innovationen von Sunny Murray zum Stilmerkmal)
- EinflĂŒsse aus verschiedenen Stilrichtungen, nach Joachim Ernst Berendt vor allem Weltmusik
- Aufhebung der Trennung zwischen Klang und GerÀusch
- Keine Trennung mehr zwischen Solo- und Begleitungspart, wodurch die Musiker kommunizieren und ihre StĂŒcke entwickeln
- Das als typisches Jazz-Merkmal geltende âLeadsheetâ existiert im Free Jazz zunehmend nicht mehr
Bei der weiteren Entwicklung des Jazz zeigt sich, dass eine Einteilung in Stilistiken oft nur schwer möglich ist und daher nur sehr selten sinnvoll ist. Insbesondere der Ăbergang zwischen Free Jazz und frei improvisierter Musik ist bisher kaum bestimmbar.
FĂŒr die Entwicklung des Free Jazz wichtige Alben
- Albert Ayler - Spiritual Unity,
New York Eye and Ear Control, Ghosts
- Art Ensemble of
Chicago - A Jackson in Your House
- Anthony Braxton - For Alto, Town Hall 1972, Creative Music Orchestra 1976
- Peter Brötzmann - Machine Gun, For Adolphe Sax, Outspan No. 2, The Nearer The Bone
- Derek Bailey, Barry Guy, Paul Rutherford - Iskra 1903
- John Coltrane - A Love Supreme, Ascension, Interstellar Space, Meditations, Sun Ship, Transition
- Ornette Coleman - Free Jazz: A Collective
Improvisation, The Shape of Jazz to Come, Live At the Golden Circle, Dancing in Your Head
- Don Cherry - Mu (1&2), Complete Communion, Symphony For Improvisers, Eternal Rhythm
- Gunter Hampel: Heartplants, The 8th of July, Out of New York, Familie
- Tony Oxley: 4 Compositions for Sextett
- Michel Portal: Alors, Splendid Yzlment
- Manfred Schoof: Voices, Page One, Page Two
- Alexander von Schlippenbach: Pakistani Pomade, Globe Unity, The Hidden Peak
- Archie Shepp - The Magic of Juju, The Way Ahead, Fire Music, Mama Too Tight
- Alan Silva & The Celestrial Communications Orchestra - Seasons
- Spontaneous Music Ensemble - Karyöbin, Oliv
- Tomasz StaĆko - Twet, Balladyna
- John Surman - The Trio, Conflagration
- Cecil Taylor- Conquistador!, Nefertiti - The Beautiful One Has Come
- Synopsis - Auf der Elbe schwimmt ein rosa Krokodil
- Attila Zoller - The Horizon Beyond
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